Klimawandel


Der Kampf gegen den Klimawandel und seine Auswirkungen wird von der Politik und den meisten Medien als eine der dringlichsten gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit angesehen und in diese Richtung auch intensiv propagiert. Das ist richtig und wird von vielen Mitbürgern geteilt. Wenn man aber genau hinsieht, ist der Enthusiasmus, sich aktiv an Maßnahmen z.B. zur Verringerung der Klimagasemissionen zu beteiligen, bei den meisten Mitbürgern ausgesprochen übersichtlich. Mich erinnert diese formale Akzeptanz der Existenz einer generellen Gefahr, allerdings oft verbunden mit der persönlich noch größeren Furcht vor einer Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen oder autofreien Innenstädten, an Rituale in katholischen Regionen. Beim Passieren einer Kirche bekreuzigt man sich und geht schnell weiter, froh, dass einen der Blitz nicht getroffen hat, sondern jemand anders möglichst weit weg.
Wieso also schaffen wir es nicht, einen eigentlich klaren Sachverhalt zu verarbeiten und daraus auch persönlich sofortige Handlungsweisen abzuleiten? Die mäßig intelligente aber für jeden schnell
einsehbare Antwort darauf kann nur sein: Das liegt wohl an uns. Ebenso schlicht ist die Frage nach
der Lösung für dieses Problem zu beantworten: Das müssen wir wohl auch selbst machen. Aber was
ist daran so schwierig?
Wir haben alle möglichen Sinnesorgane: Sicht, Gehör, Geschmack, Sensoren für Druck und
Temperatur und vieles mehr. Damit können wir aufnehmen, was in und um uns herum so passiert.
Das funktioniert allerdings nur in einem begrenzten Umkreis und auch das macht Sinn. Wir sind
damit gut ausgerüstet, Probleme in unserer Nähe zu erkennen und Strategien zur Abwehr oder
Anpassung zu erarbeiten. Klappt das mal nicht so gut, haben wir sogar im Gehirn ein Eckchen frei, in
dem wir die Panne speichern und beim nächsten Mal etwas anderes versuchen können. Würden wir
alles im Umkreis von Kilometern sehen, hören und riechen, dann hätten wir weder die Kapazität in
den Nervenbahnen noch im Gehirn, all die Signale vernünftig zu verarbeiten und einzuordnen. Dieser
Versuchsaufbau hat über tausende Generationen halbwegs gut funktioniert, manchmal war der
Säbelzahntiger schneller, öfter noch der eigene Artgenosse, aber „nobody is perfect“ und insgesamt
hat sich unsere Gattung damit fleißig und erfolgreich vermehrt und durchgesetzt.
Im Verlauf dieser Entwicklung sind aus vereinzelten Individuen und Kleingruppen aber Staaten und
Gesellschaften geworden. Damit hat sich die Wirkung des Handelns der nun sehr vielen Einzelnen zu
einer globalen Gesamtwirkung addiert und dabei Dimensionen eingenommen, die sich dem
Operationsbereich unserer Sinnesorgane entziehen. Während es in der Steinzeit für ein Individuum
im heutigen Klütz komplett egal war, was ein anderes Individuum im heutigen Washington oder
Peking gerade so anstellte, ist es das heute nicht mehr. Und das ganz besonders, wenn der weit
entfernte Zeitgenosse (oder Genossin) dort Hebel (oder Joysticks) betätigt, die tief bis in die
Arbeitswelt und Lebensrealität von Klütz wirken.
Aber wir sind ja nicht ganz so dumm wie die anderen Hominiden und haben uns nacheinander
Sinnes-Extensionen gebastelt wie Hörrohre, Fernrohre, Mikroskope, Mikrofone, Kameras und
ähnliches. Unsere Nervenbahnen sind mit Kabel, Funk, Glasfaser und Satellitenkommunikation
erheblich länger geworden, das Gedächtnis wird durch Festplatten erweitert und soziale Medien
fungieren als globale Synapsen. Dadurch, dass wir mit diesen Hilfsmitteln immer noch selektiv
einzelne Prozesse auflösen, wird auch unser Gehirn nicht überlastet. Wir können so gezielt zwischen
zwei oder drei Fernsehsendern zappen. Wir könnten es sogar zwischen 500, tun das aber ganz
bewusst nicht, um einen mentalen „overload“ zu vermeiden. Diese Mischung von gezielter,
selektiver Aufnahme von Signalen und der Portionierung in verdauliche Häppchen vermehrt schon
mal unser Wissen und macht uns klüger. Aber wie weit kommen wir damit?
Es scheint immer noch etwas zu fehlen, denn trotz intensiver Suche auf allen Kanälen und in allen
sozialen Medien, haben wir immer noch kein durchgängiges Verständnis unserer Lebensumwelt, aus
dem sich automatisch konkrete Ableitungen für die Lösung unserer momentanen persönlichen und
gesellschaftlichen Probleme ergeben. Dafür ist diese Umwelt immer noch zu komplex für uns, und
die unterschiedliche Wirkung und Wertung gleicher Fakten in verschiedenen räumlichen und
zeitlichen Kontexten verwirrt uns. Wir pulen dabei oft recht lust- und mutlos an den vielen
Zwiebelschalen von Problemen und Fragen herum, die Raum und Zeit um uns legen und müssen nun
zum Verständnis größerer Zusammenhänge Maschinen (wie KI) einsetzen, die wir selbst nicht
verstehen und denen wir vielfach nicht trauen. Daraus ergibt sich quer durch die Gesellschaft eine
diffuse Unzufriedenheit und Zukunftsangst.


Dabei ist aber eigentlich die Erkenntnis der Endlichkeit unserer geistigen Kapazitäten weder
überraschend noch furchterregend. Man redet nur nicht gerne darüber, denn wer ist schon gerne
dumm? Nun sind wir zwar weiter als die Eichhörnchen, aber nicht endlos viel weiter. Bisher haben
wir mangelnde Fähigkeiten durch Werkzeuge ausgeglichen, ohne traurig darüber zu sein, dass wir
den Nagel nicht mit der Faust in die Wand schlagen können, sondern dafür einen Hammer erfinden
mussten. Das wird auch weiter so sein können, jetzt aber mit digitalen Werkzeugen. Das funktioniert
aber nur, wenn wir Vertrauen zur Programmierung haben. Das muss in seiner Wirkweise
verständlich sein, von guter Qualität und es muss zielgenau zum gewünschten Erfolg oder Produkt
führen. KI gepaart mit numerischer Modellierung kann so etwas für den naturwissenschaftlichen-
technischen, den medizinischen und den gesellschaftlichen Bereich werden. Aber ähnlich wie
einfache Werkzeuge Standards erfüllen, müssen das auch digitale Werkzeuge tun. Ein Hammer, der
sich vom Stiel löst und den Daumen trifft, landet früher oder später im Müll. Und da es sich hier um
Produkte handelt, die unsere ökonomische und gesellschaftliche Zukunft bestimmen, wird der
Stempel vom TÜV Nord nicht reichen. Es braucht eine durchdachte staatliche Zertifizierung, die
sicher stellt, dass die Codes sicher, keimfrei und wertneutral sind und dass sich nicht Statistik,
sondern wissenschaftliche Erkenntnis und Plausibilität bei Lagebewertungen durchsetzt.
War es das jetzt endlich? Nein, war es nicht! Uns fehlt etwas ganz Essentielles, um die großen
Probleme unserer Zeit überhaupt als solche zu erkennen. Und wir müssen auch noch einmal auf den
Beginn des Prozesses blicken. Computer werden von Menschen mit dem gefüttert, was sie für
wichtig halten. Aber auch das beruht oder ist eng verbunden mit einer Sensorik, die auf die
Bedürfnisse des Menschen in einer historischen Umwelt abgestimmt ist. Damit haben wir ein paar
blinde Flecken, die uns jetzt extrem behindern. Welche Sinne fehlen uns? Wir haben keine Sensoren
für globale Gefahren. Wir haben auch keine für exponentielle Umweltveränderungen. Wir klagen
immer noch darüber, dass das Wetter ständig schlechter wird, glauben aber nicht, dass wir schon in
die exponentielle Phase des Klimawandels eintauchen. Ernsthaft glauben wir erst daran, wenn wir
ihn vor uns sehen, hören oder fühlen, also wenn Oma tot über den Zaun hängt oder wenn statt der
Zeitung das Wasser durch den Briefschlitz kommt. Das ist dann aber ein wenig zu spät und deshalb
muss vorher eine Lösung her.
Auch die gibt es und wir kennen sie schon. Sie liegt in der Region des Gehirns, das, nun von
festplattengespeichertem Wissensballast erleichtert, sich einer ganz spezifisch menschlichen Kunst
widmen kann: dem Lernen und Denken. Die Fähigkeit, logarithmische Prozesse zu verstehen und auf
diverse zeitliche und räumliche Skalen umzusetzen und damit schon Gefahren im frühen Stadium zu
erkennen, lässt sich erlernen. Das üben täglich Millionen von Studenten nicht nur in den Natur- und
Technikwissenschaften, sondern auch in den ökonomischen und sozialen Fachbereichen. Im
Erfolgsfall nutzen sie damit einen Teil Ihres Gehirns als Verlängerung der körpereigenen Sensoren
und kriegen dann auch ein „Gefühl“ für Vorgänge, die nicht direkt erfahrbar sind. Und das können
und sollten wir alle.
Also doch eigentlich eine gute Nachricht, dass wir mit eigenen Mitteln aus dem Schneider kommen
können. Es geht mit Bildung, Lernen, Verstehen und dem Anwenden des Verstandenen auf die
eigene Situation. Und das in Augenhöhe und Interaktion mit technischen Hilfen aus dem digitalen
Hexenkessel. Die schlechte Nachricht für jene, die Denken und Lernen als harte Arbeit empfinden, ist,
dass damit das Leben arbeitsreicher wird. Ein guter Trick, das abzumildern, ist mit der Arbeit
möglichst schnell anzufangen. Dann ist man früher fertig und kann ein Bier trinken. Also lasst uns mal
loslegen.