Irgendwie schon, denn wenn man, ohne den Grünen Parteibutton zu tragen durch die Stadt wandert
und Gesprächen über grüne Politik zuhört, kommen drin oft Substantive wie Idealisten, realitätsferne
Spinner, Traumtänzer und ähnliches vor. Wir selbst sehen das natürlich anders und argumentieren
damit, dass wir extrem realistisch denken, nur eben auf einem anderen Zeithorizont als viele
Mitmenschen. Trotzdem sind wir irgendwie verdächtig und das hat auch reale Gründe: Wir sind eine
Partei, die sich für Menschen einsetzt, die diese Partei wahrscheinlich nicht wählen. Wir setzen uns
für gleiche Chancen für alle, für Behinderte, Beeinträchtige und besonders für die sogenannten
„bildungsfernen Schichten“ ein, die selbst eher Parteien mit markigen Slogans bevorzugen. Deren
Lebensrealität ist uns aber fern, denn wir sind beruflich, finanziell und intellektuell eher auf der
anderen Seite zu Hause. Das stellt uns in den Augen vieler Menschen auf eine Stufe mit dem Rotary
oder Lions Club, der von einer Position geistiger und finanzieller Stärke milde Gaben an die Armen
verteilt und wir werden damit schnell zu heuchlerischen Scheinheiligen abgestempelt. Ich habe das
Gefühl, das das auch vielen von uns peinlich ist und man nicht gerne darüber spricht.
Das muss es aber gar nicht, weil genau die Solidarität, die wir fordern und zum Teil ja auch
praktizieren der ideologische Kern unserer Gesellschaft ist. Nicht umsonst durchzieht viele
Verfassungen und auch unser Grundgesetz die Verpflichtung aller und jedes Einzelnen, sich für
Gerechtigkeit und Solidarität einzusetzen und das für alle und jeden Einzelnen ohne Rücksicht auf
Herkunft und Stand in der Gesellschaft. Damit haben wir im Parteienspektrum einen Sonderstatus,
denn die anderen Parteien bedienen ihre eigene Wählerklientel, die sich entweder aus Arbeitern,
Angestellten, Apothekern, der sogenannten Mittelschicht oder Wutbürgern zusammensetzt. Obwohl
sie oft in den Wahlen belehrt werden, dass dieses starre Bild nicht mehr die Realität der heutigen
Gesellschaft widerspiegelt, halten sie verzweifelt daran fest. Mehr gibt ihr ideologischer Bauchladen
eben nicht her. Ein in die Jahre gekommenes Gesellschaftsbild mit rechts und links, oben und unten,
armen Werktätigen und vermögenden Gewerbetreibenden dient immer noch als Grundlage für
programmatische Aussagen und Gesetzesvorlagen. Selbständigen Landwirten, Bäckern,
Einzelhändlern oder Gastronomen, die inzwischen viel weniger verdienen als manche Industrie-
Angestellte, die über ihren Aktienbesitz ja gleichzeitig auch Unternehmer seien können, wird dieses
totgerittene Pferd immer noch als Vehikel zur Rückkehr in die gute alte Vertikalgesellschaft verkauft.
Die kommt aber nicht zurück.
Deshalb sind aber gerade die Grünen fähig, Lösungen für breite Schichten anzubieten, weil sie nie
nach einzelnen Interessengruppen gefragt haben, sondern sich mehr um die Funktion des
Gesamtsystems gekümmert haben. Denn genau dieser Ansatz ist der richtige in Zeiten, in denen
globale Prozesse, die auf größeren Zeit- und Raumskalen wirken, zunehmend in die Lebensrealität
der einzelnen Bürger eingreifen. Klimaveränderung und auch damit zusammenhängende
Migrationsbewegungen sind Prozesse, die gefühlt noch in Jahrhundertskalen auftreten. Durch die
exponentielle Verschlechterung der globalen Lage sind sie nun aber schon fast in Zeitskalen der
Wahlperioden angekommen. Wenn wir vernünftig die Fakten direkt mit unseren Lösungsansätzen
verknüpfen und das ganz offensiv als die zeitgemäße Sicht der Dinge propagieren, sehe ich gute
Chancen für die Grünen. Das trat schon mal bei der Harbeckmania zu Beginn der Regierungszeit auf,
bevor der Arme sich im Sumpf der Realpolitik zum Kellergeist gemacht hat. Vielen Bürgern schwant
schon, dass sie sich durch geändertes Verhalten an die veränderten Zeiten anpassen müssen, um
weiterhin erfolgreich durch das Leben zu kommen. Trotzdem ist da immer noch die Hoffnung, dass
man das durch Nichtstun verzögern kann. Unser Job ist nun, darauf hinzuweisen, dass der Preis bei
Inaktivität exponentiell steigt. Eigentlich brauchen wir sowas wie eine Schuldenuhr, die kontinuierlich
die Mehrkosten pro Person und Jahr für jede Stunde die wir später klimaneutral sind ausweist.
Vom Verständnis der globalen Entwicklungen und ihrer Wirkung auf unsere Gesellschaft sind wir also
vor der Welle und könnten darauf surfen, während die anderen Parteien noch als Sitzenbleiber am
Strand hocken. Also sollten wir nicht verschämt sondern selbstbewusst sein und darum ab in den
grünen neuen Körper, wenn’s geht noch vor der nächsten Wahl.
Falk Pollehne, Wissenschaftler und Rentner schreibt unter der Rubrik FalksKleinesGrünesBlogHaus Texte aus und für unsere Region und darüber hinaus.