Sind Bündnis 90/Die Grünen eine Partei im falschen Körper?
Irgendwie schon, denn wenn man, ohne den Grünen Parteibutton zu tragen durch die Stadt wandert und Gesprächen über grüne Politik zuhört, kommen darin oft Substantive wie Idealisten, realitätsferne
Spinner, Traumtänzer und ähnliches vor.
Wir selbst sehen das natürlich anders und argumentieren damit, dass wir extrem realistisch denken, nur eben auf einem anderen Zeithorizont als viele Mitmenschen. Trotzdem sind wir irgendwie verdächtig und das hat auch reale Gründe: Wir sind eine Partei, die sich für Menschen einsetzt, die diese Partei wahrscheinlich nicht wählen. Wir setzen uns für gleiche Chancen für alle, für Behinderte, Beeinträchtigte und besonders für die sogenannten „bildungsfernen Schichten“ ein, die selbst eher Parteien mit markigen Slogans bevorzugen. Deren Lebensrealität ist uns aber fern, denn wir sind beruflich, finanziell und intellektuell eher auf der anderen Seite zu Hause. Das stellt uns in den Augen vieler Menschen auf eine Stufe mit dem Rotary oder Lions Club, der von einer Position geistiger und finanzieller Stärke milde Gaben an die Armen verteilt und wir werden damit schnell zu heuchlerischen Scheinheiligen abgestempelt. Ich habe das Gefühl, das das auch vielen von uns peinlich ist und man nicht gerne darüber spricht. Das muss es aber gar nicht, weil genau die Solidarität, die wir fordern und zum Teil ja auch praktizieren, der ideologische Kern unserer Gesellschaft ist.
Deshalb sind aber gerade die Grünen fähig, Lösungen für breite Schichten anzubieten, weil sie nie nach einzelnen Interessengruppen gefragt haben, sondern sich mehr um die Funktion des
Gesamtsystems gekümmert haben. Denn genau dieser Ansatz ist der richtige in Zeiten, in denen globale Prozesse, die auf größeren Zeit- und Raumskalen wirken, zunehmend in die Lebensrealität der einzelnen Bürger eingreifen.
Klimaveränderung und auch damit zusammenhängende Migrationsbewegungen sind Prozesse, die gefühlt noch in Jahrhundertskalen auftreten. Durch die exponentielle Verschlechterung der globalen Lage sind sie nun aber schon fast in Zeitskalen der Wahlperioden angekommen. Wenn wir vernünftig die Fakten direkt mit unseren Lösungsansätzen
verknüpfen und das ganz offensiv als die zeitgemäße Sicht der Dinge propagieren, sehe ich gute Chancen für die Grünen. Das trat schon mal bei der Habeckmania zu Beginn der Regierungszeit auf,
bevor der Arme sich im Sumpf der Realpolitik zum Kellergeist gemacht hat.
Vielen Bürgern schwant schon, dass sie sich durch geändertes Verhalten an die veränderten Zeiten anpassen müssen, um weiterhin erfolgreich durch das Leben zu kommen. Trotzdem ist da immer noch die Hoffnung, dass man das durch Nichtstun verzögern kann.
Unser Job ist nun, darauf hinzuweisen, dass der Preis bei
Inaktivität exponentiell steigt. Eigentlich brauchen wir sowas wie eine Schuldenuhr, die kontinuierlich die Mehrkosten pro Person und Jahr für jede Stunde die wir später klimaneutral sind ausweist.
Vom Verständnis der globalen Entwicklungen und ihrer Wirkung auf unsere Gesellschaft sind wir also vor der Welle und könnten darauf surfen, während die anderen Parteien noch als Sitzenbleiber am
Strand hocken. Also sollten wir nicht verschämt sondern selbstbewusst sein und darum ab in den grünen neuen Körper, wenn’s geht noch vor der nächsten Wahl.
