Inklusion an unseren Schulen: Verständnis für die Verschiebung – aber kein Einverständnis

© Claus Jesup Schule Wismar

Statement zum Kreistagstagesordnungspunkt Ö14 vom Kreistag Nordwestmecklenburg am 5. März 2026
Aufhebung der Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen und Einrichten von Lerngruppen an ausgewählten Schulstandorten – Änderung des KT-Beschlusses Nr.: 100-09/2025
https://ris.nordwestmecklenburg.de/sessionnet/buergerinfo/vo0050.php?__kvonr=5169

Sehr geehrter Herr Kreistagspräsident, sehr geehrter Herr Landrat, sehr geehrte Damen und Herren,

stellen Sie sich vor, Ihr Kind hat eine Lernschwäche. Und dann hören Sie: Es kommt in die Regelklasse – 25 Kinder, eine Lehrkraft, keine gesicherte Schulbegleitung. Diese Angst der Eltern ist berechtigt. Denn sie haben ein System erlebt, das sie zu oft enttäuscht hat.

Verständlich als Momentaufnahme – inakzeptabel als Dauerzustand

Heute wird die Umsetzung inklusiver Beschulung verschoben. Wir werden dem zustimmen – jedoch nicht ohne ein ABER. Die Situation an unseren Schulen ist ernst: Es fehlen Sonderpädagog:innen, Schulbegleitungen und geeignete Räume. Lehrkräfte leisten Hervorragendes – und stoßen täglich an Grenzen, weil das System sie im Stich lässt. Das ist leider die Realität an unseren Schulen.

ABER: Wer heute verschiebt, muss gleichzeitig verbindlich festlegen, was bis wann konkret verbessert wird. Ohne Maßnahmenplan ist eine Verschiebung keine verantwortungsvolle Pause – sie ist Aufgabe. Auf Verbesserung der Situation nicht hinzuwirken, das können wir uns nicht leisten.

Ein Menschenrecht kennt kein Ablaufdatum

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 ratifiziert. Artikel 24 verpflichtet uns zu inklusiver Bildung – verbindlich, nicht irgendwann, wenn es bequem ist. Kinder mit Lernbehinderungen haben dasselbe Recht auf Teilhabe wie alle anderen. Dieses Recht auf unbestimmte Zeit zu vertagen, weil wir die Rahmenbedingungen nicht im Griff haben – das ist kein Pragmatismus. Das ist ein Versagen gegenüber den Schwächsten.

Inklusion nützt allen – und verändert Gesellschaft von Grund auf

Kinder ohne Behinderung, die gemeinsam mit Kindern mit Behinderungen, darunter auch Kinder mit Lernbehinderung, aufwachsen, lernen etwas, das kein Lehrplan gezielt vermitteln kann: dass Verschiedenheit normal ist. Sie lernen Geduld, Empathie und den selbstverständlichen Umgang mit Vielfalt. Und wer erklärt, hilft und Verantwortung übernimmt, festigt den eigenen Lernstoff tiefer – der schulische Lernerfolg leidet nachweislich nicht.

Aber Inklusion ist mehr als ein pädagogisches Konzept. Sie ist eine Frage, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen wollen. Wer als Kind selbstverständlich mit Menschen aufgewachsen ist, die anders lernen und anders durch die Welt gehen, der wird als Erwachsener nicht so leicht ausgrenzen. Der fragt nicht zuerst: „Kann diese Person mithalten?“ – sondern: „Was brauchen wir, damit alle teilhaben können?“ Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Inklusive Schulen sind deshalb keine Belastung – sie sind eine Investition in unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was Kinder hier lernen, prägt Haltungen fürs Leben. Eine Generation, die Vielfalt als Normalzustand erlebt hat, wird später anders entscheiden, anders führen, anders bauen – und niemanden ausschließen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Wer Kinder hingegen von Anfang an trennt, lehrt sie, dass Verschiedenheit ein Problem ist. Diese Lektion sitzt tief. Inklusion beginnt im Klassenzimmer – aber sie endet nicht dort.

Unsere Haltung bleibt klar

Wir nehmen die heutige Entscheidung zur Kenntnis. Aber wir werden nicht aufhören, auf Umsetzung zu drängen. Kein Kind in Nordwestmecklenburg soll dauerhaft auf sein Recht warten müssen.