Regionale Anpassung an den Klimawandel (Beispiel Wismar)
Wismar liegt weder in der Lombardei noch im Ahrtal und muss deshalb weder rutschende Berghänge auf Grund schmelzender Alpengletscher noch überlaufende Wildbäche bei Starkregen fürchten. Trotzdem werden wir früher als gedacht Probleme mit dem Wasser bekommen, welche über die vieler anderer Städte in Norddeutschland hinausgehen. Das liegt daran, dass wir hier im Rahmen der Erderwärmung von zwei unterschiedlichen Reservoirs in die Zange genommen werden.
Das eine ist das Meerwasser, dessen Pegel mit stark zunehmender Geschwindigkeit steigt, dabei das Ostseevolumen vergrößert und somit zusätzlich Wassermassen liefert, die bei Sturmfluten die Küsten bedrohen. Schränken wir die gegenwärtigen Emissionen nicht global sehr schnell sehr massiv ein, muss mit über einem Meter Anstieg bis 2100 gerechnet werden (das ist nun schon in 75 Jahren, wenn unsere Kinder als Rentner hier herumlaufen).
Dabei wächst die Wassermenge der westlichen Ostsee bei einer Durchschnittstiefe von ca. 20 m um 5-10 % . Dieses Volumen kann zusätzlich bei Starkwindlagen und passenden Schwingungsbewegungen der Ostsee in Buchten gedrückt werden (z.B. Flensburger, Eckernförder, Kieler, Lübecker u. Wismarbucht) und hier erhebliche Hochwasserlagen verursachen, die über die historisch dokumentierten hinausgehen können.
Dieses Problem wird uns natürlich nicht erst in 75 Jahren, sondern schon ab jetzt exponentiell zunehmend beschäftigen. Um Stadt und Umland vor diesen Gefahren zu schützen brauchen wir primär räumlich übergreifende Maßnahmen, die auf Regional- und Landesebene geplant und ausgeführt werden müssen. Es ist klar, dass Sandsäcke und vereinzelte Flutbarrieren sehr bald nicht mehr ausreichen werden und dass deshalb ein regionales Küstenschutzkonzept greifen muss, das an die Geschwindigkeit des Anstiegs angepasst ist. Trotzdem können kommunale Maßnahmen dabei extrem helfen und ergänzen. Hierzu gehören kleinskalig z.B Erhalt/Neueinrichtung von Flutkellern in schon bebauten küstennahen Arealen ( wie Hafengegend Wismar) , um statische Probleme der Gründungen bei Auf- und Ablaufen der Flut zu vermeiden wie großskalig das Vorhalten von Poldern und anderen Überschwemmungsflächen in Meeresspiegelhöhe auf kommunalen Flächen. Da das voraussichtliche Eintreffen potentieller Überflutungen inzwischen zeitnäher ist, als die Nutzungsdauer von Gebäuden, sollte in einem Bereich bis 3-4 m ü.N. keine Bebauung mehr stattfinden. Das gilt besonders für Gebäude, die der Daseinsvorsorge der Bevölkerung dienen wie Krankenhäuser, Feuerwehren, Energieversorgungsanlagen u.ä.
Das zweite Problem ist mit Frischwasser verbunden und hier kann primär auf kommunaler Ebene wirksam agiert und gegengesteuert werden. Der optimale Wasserfluss durch eine Kommune ist dadurch gekennzeichnet, dass sich Zufuhr und Ablauf von Wasser in der Stadt saisonal angepasst in einem Komfortbereich für die Bürger bewegen, der Extreme vermeidet. Diese Extreme können Wassermangel bei Hitzeperioden und auf der anderen Seite auch Wasserfluten bei Starkregenfällen sein. Beides beinhaltet sowohl Gefahren für Gesundheit und Leben als auch herbe ökonomische Verluste. Leider lässt der Klimawandel auch hier nicht mit sich diskutieren. Durch die Veränderung der atmosphärischen Zirkulation ist sowohl mit einer Zunahme der Dürreperioden wie auch der Extremwetterereignisse selbst in unserer Region zu rechnen. Deshalb muss eine Kommune mit beiden Extremen umgehen und den Wasserfluss in beiden Situationen (zu viel/zu wenig) unter Kontrolle behalten können. Das geht ernsthaft aber nur mit einem integrierten Wassermanagement, das intelligent und autonom den Wasserbedarf der Stadt mit dem Wasserzustrom und -Abfluss abgleicht. Es handelt sich hier nicht nur um Trinkwasser und Abwasser, das selbstverständlich nach Stand der Technik gelagert, transportiert und gereinigt werden muss. sondern um die vielfach größeren Regenwassermengen, die gefahrlos durchgeleitet, aber auch temporär aufgenommen und in Hitze- und Dürreperioden wieder zur Kühlung der Stadt in Grünanlagen und durch direkte Verdunstung genutzt werden müssen. Dabei gilt hier das gleiche Prinzip wie bei der Abwehr von Sturmfluten: Je größer die Pufferkapazitäten, desto besser und resilienter ist das System. Es braucht also entweder oberirdische (bestehende oder neu anzulegende Gewässer) oder unterirdische (Zisternen), in denen die Starkregenmengen gespeichert und bei Bedarf in großen Mengen für die Wässerung der Grünanlagen oder auch für direkte Verdunstung abgegeben werden können.
Dabei könnten Ablaufrinnen in den Straßen (frei oder gedeckelt) sowohl die Ableitung von Überschüssen in Starkregenphasen wie auch die Verdunstung in Hitzeperioden befördern, wenn eine integrierte und intelligente Lenkung dafür sorgt. Dass ein solche Konzept übergreifend nötig sind, zeigt sich gerade im vorderasiatischen Raum, wo selbst Großstädte wegen Wasserproblemen vor der Umsiedlung stehen.

Die Standardantwort auf die Frage nach solchen Anpassungsmaßnahmen ist „Das wäre sicher irgendwie schön aber wir haben kein Geld und wer soll das bezahlen?“. Dieses wiederum mit der Gegenfrage „ Ja, was habt Ihr denn bisher mit unserem Geld gemacht?“ zu beantworten wäre unhöflich und daher könnte man das lieber zu einem „ Das ist ein typischer Fall, in dem die Aufnahme von Schulden den kommenden Generationen erhebliche Verluste und Kosten erspart. Natürlich werden sie damit belastet, aber durch Nichtstun werden sie schwer beschädigt“ abändern.
Und solch ein Schwammstadtprinzip ist auch keine spontane Erfindung von Raumplanungsstudenten sondern ein eingeführtes Prinzip moderner Stadtplanung, das genauso z.B. in Positionspapieren des Deutschen Städte- und Gemeindebundes propagiert und in vielen Kommunen schon umgesetzt wird. Daher sind auch wir berechtigter Hoffnung, dass diesen Prinzipien selbst hier in Wismar zeitnah Geltung verschafft wird, zumal unser Bürgermeister gerade noch den Vorsitz des Städte und Gemeindetages Mecklenburg-Vorpommerns innehat, auf dessen Webseiten man diese nützlichen Informationen und Positionspapiere finden kann. Aber schauen wir mal…