Nummer 11 – Das ist die jetzt aber die Wahrheit…

…ist ein Spruch, den man immer weniger glaubt je öfter man ihn hört. Und ihm grundsätzlich mit Misstrauen zu begegnen ist ebenso norddeutsch wie klug (hätte ich natürlich in Sachsen anders gesagt). Denn im Gegensatz zur Tomate, die auch dann Tomate bleibt, wenn sie vergammelt, kann die Wahrheit schnell zur Lüge werden, wenn sie aus dem Kontext fällt. Die Wahrheit ist ein zartes transientes Gebilde, dass zudem personengebunden ist wie ein Dackel und selbst in der Wissenschaft unterschiedlich lange Halbwertzeiten hat. Eigentlich kann ihre Existenz sogar komplett angezweifelt werden. Intuitiv wissen wir das auch, denn manche „Wahrheiten“ glauben wir und andere, die sich mit unserer nicht decken, halten wir für „Tünkram“ , „fake“ oder „Schmarrn“ je nach Landstrich.

Wahrheiten werden eigentlich aus Fakten generiert, wobei aber sowohl die Verifizierung der Fakten wie auch deren Auswahl dem Wahrheitssuchendem anheim gestellt sind. Daraus ergibt sich oft das Problem, dass diverse Wahrheiten zum gleichen Tatbestand zirkulieren, was wir in Talkshows zu schätzen wissen, im familiären Kreis allerdings gerne vermeiden möchten. Jeder hat also erstmal seine eigene kleine Wahrheit und glaubt dann aber umso mehr an sie, je mehr Mitmenschen diese Wahrheit teilen. Das ist natürlich ok so, denn zusammengesetzt ergeben diese Wahrheiten ein Abbild der Umwelt in unserem Gehirn, das die Grundlage für unsere nächsten Aktionen und weiteren Planungen ist. Wir testen dieses Weltbild kontinuierlich am Gelingen, also der Übereinstimmung der tatsächlichen Entwicklung mit unseren Erwartungen und wissen dann z.B. genau, ob nachts im Dunkeln die nächste Tür gleich links in die Toilette oder ins Treppenhaus führt. Dann ist entweder unser Plan in Ordnung , was wir denken ist also „wahr“ oder wir haben im Krankenhaus Gelegenheit, ihn zu verbessern. Soweit ist das auch gewollt und in Ordnung.

Nun tendieren wir aber dazu, nach einer Reihe erfolgreicher Planungs-/Ablauf Szenarien unsere Wahrheit zur absoluten zu erklären. Das ist nicht klug. Denn so eine Wahrheit funktioniert in einem Kontext und auf einer Skala vielleicht ganz gut, aber nicht automatisch auf allen. An der Frage, ob Windenergieanlagen gut oder schlecht für Zugvögel sind, lässt sich das gut zeigen. Die Antwort ist ja und nein. Fliegt ein konkreter Vogel auf eine konkrete WEA zu, ist die Raum-Zeit Skala also eng begrenzt, tendiert die Antwort zu nein, sogar mit einem Ausrufezeichen, wenn der Vogel dabei das Zeitliche segnet. Wenn aber die Summe vieler konkreter WEA dazu führt, dass der Klimawandel so gemildert wird, dass viele konkrete Zugvögel auf ihrem Weg in den Süden noch Rastplätze mit Futter und Wasser finden, dann ist auch diese konkrete WEA gut, wenn die Bilanz stimmt. Das ist der quantitative Teil der Wahrheit, der qualitative kann anders aussehen. Werden durch bestimmte WEA seltene Stand- oder Zugvögel gefährdet, denen wir besonderen Wert beimessen, dann kann sie wieder schlecht sein. Also hängt das, was wir für wahr halten, extrem von den Skalen ab, in die wir es einsortieren. Klimaschutz kostet kurzfristig Arbeitsplätze in den fossilen Bereichen, schafft aber langfristig bessere Lebensbedingungen für alle, inclusive Arbeitsplätze in regenerativen Feldern. Eine konsequente Durchsetzung von Klimaschutzmaßnahmen ist also konkret schlecht für die, deren Jobs dadurch jetzt wegfallen und gut für die, die sich längere Planungshorizonte leisten können.

Hier sieht man eine weitere Komplikation bei der Wahrheitssuche: Unsere selektive Objektivität. Unsere primäre Referenzskala für Wahrheit bewegt sich auf wundersame Art und Weise genau mit uns und um uns herum durch die Landschaft. Ansichten, die uns schaden, ordnen wir eher in die Kategorie „falsch“ ein, die anderen sind dann komischerweise häufiger „wahr“. Je weiter die Wirkung der Wahrheit von uns entfernt einschlägt, desto mehr Objektivität können wir uns dann wieder leisten.

Nach dem bei diesen Themen üblichen „ jaja, wissen wir doch, der Mensch ist eben nicht perfekt“ kommt, auch wie immer, die Frage: Was hilft uns diese Erkenntnis, wenn sie denn überhaupt wahr ist?  Nun, sie kann unser Leben in der Gesellschaft erleichtern. Wenn wir nämlich erstmal darüber nachdenken, für welche Skalen und Situationen unsere Wahrheit zutrifft, bevor wir sie zu Markte tragen, könnte uns auffallen, dass die Wahrheiten unserer Kontrahenten unseren eigenen gar nicht widersprechen, sondern sie in einem anderen Kontext sogar ergänzen und bestätigen. Beim Sortieren der Geltungsbereiche wird man sich oft schneller einig, als man denkt und kann dann gemeinsam am „wahren“ Weltbild weiterbasteln. Voraussetzung ist aber, dass man ruhig bleibt und gut zuhört, was ja in Norddeutschland der Standard ist (hätte ich in Sachsen auch anders formuliert). Wenn man dann die eigene Wahrheit mal auf einer anderer Zeit- oder Raumskala oder in einem anderen gesellschaftlichen Kontext testet, sieht man ganz schnell das Ende vom Gelände und wird oft etwas bescheidener. Dann noch schnell sicherstellen, dass die Fakten nicht nur aus einer einzigen Quelle kommen und man hat getan, was man konnte. Ja, ja Ich weiß, das macht sowieso schon jeder von Euch. Wohl wahr!

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